seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Helles und Dunkles – zum Umgang mit dem Schatten

Yossis Adler 2

 

 

 

Kürzlich präsentierte ich meiner Schwester einen Gedanken von Rüdiger Dahlke, den ich sehr schätze (den Gedanken, Dahlke nicht immer).

Wer nur gut sein will, bleibt der Ganzheit notgedrungen vieles schuldig. Wer ganz werden will, darf ruhig auch gut sein, aber er kann sich obendrein seine weniger guten Seiten ein- und zugestehen und sie anerkennen und lieben. Es macht ihn vollkommener und sein Gutsein echter und natürlicher (in: Rüdiger Dahlke: Das Licht- und Schattentagebuch, S. 8, 2013).

Ich habe schon eine Zeitlang vor, über das Thema ungeliebte Seiten im “Schatten” zu schreiben, mich jedoch bislang davor gedrückt. Jetzt ist die Zeit reif.

Was meint Dahlke? Ich stelle fest: Je näher ich mir komme, je aufrichtiger und ehrlicher ich mir gegenüber werde, desto mehr Unliebsames, Unbequemes und Kantiges kommt ans Licht. Wir alle wollen vor uns selbst und anderen möglichst gut dastehen, in möglichst hellem Glanz gesehen werden. Menschsein bedeutet jedoch auch, dass wir ebenso “dunkle Anteile” in uns tragen – Anteile, die auch gesehen werden wollen. Je mehr wir die Bereitschaft entwickeln – vorausgesetzt wir wollen und können dies überhaupt – uns in aller Tiefe zu begegnen, umso mehr dieser “dunklen Anteile” kommen ans Licht, umso „ganzer“ werden wir, und umso weniger schlimm und dramatisch erscheinen uns auch unsere weniger „sonnigen“ Seiten.

Eigenschaften, die wir selbst an uns nicht sehen wollen, weil wir damals schon als Kind dafür alles andere als wertgeschätzt wurden, und die evtl. gerade unser Sein besonders machen, werden projiziert und übergroß am Gegenüber wahrgenommen. Was uns an anderen stört, ärgert oder zum Lästern veranlasst, ist meist das, was auch wir selbst – verbannt ins Unterbewusste, den sog. “Schatten” – in uns tragen, jedoch in uns ablehnen, was uns selbst ängstigt oder auch fehlt. Spannend wird es, wenn uns jemand oder etwas in Aufruhr versetzt, uns – wie’s so schön heißt – „die Knöpfe drückt“, wenn wir sehr emotional reagieren, angreifen oder flüchten wollen.

Oftmals geraten wir aus dem Gleichgewicht, wenn jemand etwas tut, was uns an Dinge erinnert, die ich verleugnet, verdrängt, unterdrückt und auf andere übertragen habe. Diese Person zeigt mir genau an, was ich an mir selbst akzeptieren darf. Gelingt mir die Akzeptanz und Integration all dessen was mich ausmacht mehr und mehr, so komme ich zu mir nach Haus, mit mir immer tiefer in Frieden. Selbstverständlich tun diese Prozesse des Erkennens, des Sich-Selbst-Erkennens, auch weh. Manchmal toben wir innerlich oder fühlen uns ohnmächtig – der andere solle bitteschön Schuld sein an meinem Dilemma!

Mir wird immer bewusster: Das eigentliche Leid entsteht nicht durch unsere Wunden, sondern durch unseren krampfhaften Versuch, diese vor Berührung zu schützen. Menschen, die uns nahe stehen, denen gegenüber wir uns öffnen, berühren uns oft völlig überraschend an unseren wunden Punkten. Im ersten Moment möchte ich manchmal zurückschlagen, angreifen, mich rechtfertigen oder davon laufen.

Wenn es mir jedoch gelingt, weiter zu atmen, all das was da hochkommt nicht wegzudrücken, sondern zu beobachten und es da sein zu lassen, ist schon viel getan: Nach und nach klärt und entspannt sich mein eigenes System – Körper, Geist, Seele – und mit der Zeit auch mein Umfeld. Ich erfahre im Übrigen diesen Prozess des „Ganz-Werdens“ viel tiefgreifender transformierend durch zwischenmenschliche Begegnungen und Körperarbeit – in meinem Fall Kundalini-Yoga – als über Bücher.

In besonders aufrüttelnden, heftigen Momenten, wenn wir uns beispielsweise sehr ärgern oder getroffen fühlen, dürfen wir uns fragen: Wo tue oder bin ich das auch, was ich da an meinem Gegenüber kritisiere oder beklage? Wo oder wann bin ich zum Beispiel auch rücksichtslos, verletzend, faul oder arrogant? Oder ich darf mich fragen: Wo verbiete ich mir das, was mir da im Außen entgegenkommt? Wo grenze ich etwas aus, das doch auch zu mir gehört? Wo oder wann darf ich mir zum Beispiel auch mehr Egoismus zugestehen, mehr Dominanz, mehr “Zu-meinem-Eigenen-Stehen”, mehr Individualität gönnen?

Wenn wir erkennen, dass unsere Gefühle immer uns selbst gehören und es kein einziges Gefühl gibt, das mir ein anderer gibt oder nimmt, gewinnen wir innere Freiheit. Wir geben anderen weniger Macht und nehmen ihnen auch die Bürde der Verantwortung für unser Wohlbefinden. Werden wir mit uns selbst großzügiger und milder, ersparen wir uns auch das Sich-Ärgern und Aufregen über das unerwünschte Verhalten des Gegenübers. Und umgekehrt: Je rigider und strenger wir in und mit uns selbst sind, umso mehr sind wir es auch mit anderen, und umso schwerer fällt es uns, über andere nicht zu klagen.

Wenn ich mich mal wieder über jemanden aufrege oder ärgere, hilft mir auch folgendes Bild: Wir alle schauen mit unserem ganz eigenen, die Außenwelt enorm einschränkenden Projektor auf viele viele verschiedene Leinwände. Wir alle glauben zu wissen, was Sache ist – was falsch, richtig, gut, schlecht ist – oft auch für den anderen. Der Nächste wiederum kann jedoch ganz anders ticken, Dinge grundverschieden wahrnehmen, ganz andere Werte haben als ich. Der Nächste ist viel mehr und anders, als wir glauben, dass er ist. Mit den Augen des anderen Sehen und den Ohren des anderen Hören ist verdammt schwer bis unmöglich – das macht wache, tiefe Kommunikation auch zu einer wahren Kunst.

Wie wir etwas vom anderen aufnehmen, hat immer mit uns selbst zu tun, spiegelt stets uns selbst. Noch etwas finde ich wichtig zu erwähnen: Alles was der andere kritisiert an mir, mir vorwirft, anders haben will oder bekämpft, und mich dies nicht berührt, ist sein eigenes Bild, sind seine eigenen ungeliebten Seiten, die er wie gesagt auf mich projiziert. Wir müssen uns auch nicht jeden Schuh anziehen.

Und was ich auch zu akzeptieren lerne: Es ist jedem selbst überlassen, wie er sich, mich und die Welt wahrnimmt, ob und wo genau er näher hinschauen will oder nicht. Wenn wir unser Gegenüber zu stark behelligen, kann er auch verletzt reagieren.

Mein Fazit: Wir sind viel mehr als wir glauben zu sein, und auch nicht nur „gut“. Gut so.

Zurück

Bei sich selbst zu Hause sein

Nächster Beitrag

Nichts Menschliches fremd

  1. Liebe Carolin,

    Dieser eine Satz hat es mir gerade angetan….
    Wir sind viel mehr als wir glauben zu sein, und auch nicht nur „gut“. Gut so.

    Wie wahr…

    Alles Liebe Frank

    • Carolin

      Ja, Frank, genau – den Satz & die entsprechende Haltung finde ich auch gut. Und wichtig. Wir dürfen uns meiner Erfahrung nach mmer wieder darin üben, uns gegenüber nachsichtig und mit uns milde zu sein.
      Darüber hinaus macht das Vielfältige & Widersprüchliche einen Menschen auch gerade attraktiv.
      Ich danke dir ganz herzlich für deinen Kommentar und sage: Alles Gute dir, hab ein schönes Wochenende.

      Carolin

  2. Dietlind Rodehorst

    Das Hinsehen, die verschiedenen Leinwände und Projektoren, die vielleicht ganz unerwartet etwas “Altes” wieder in Szene setzen, erlebe ich gerade tief. Der Film “Der Junge muss an die frische Luft” hat in mir meine Kindheit augenblicklich so präsent gemacht, wie ich es nicht erwartet hätte. Tief berührt verließ ich das Kino und viele Szenen aus meiner Kindheit in den 70ern tauchten jetzt in den nächsten Tagen danach aus der Erinnerung wieder auf. Ich werde mir nochmal ganz anders meiner Wurzeln bewusst, erlebe eine tiefe Wertschätzung dieser Unbeschwertheit meiner Kindheit (und meines inneren Kindes) und der Menschen, die um mich waren und die bis auf meine Großeltern auch noch “da sind”. Der Pragmatismus der “Omas”, die den Krieg überlebt haben und dieses “es muss ja irgendwie weitergehen” hat mich schwer beeindruckt. Auch dass andere dies ganz ähnlich erlebt haben, das “Sich-Verbunden-Fühlen”.

    Danke dir, für deine Worte, Carolin.

    • Carolin

      Und das berührt mich sehr, was du schreibst – ich danke dir für’s Teilen, Dietlind! Sehr spannend, was du da erlebst, auch dank des Films ausgelöst, deine ´(weibliche) Ahnenkette betreffend. Irre. Und ja: Der von dir beschriebene Pragmatismus, die Stärke dieser Frauen, ist auch für mich sehr beeindruckend. Interessanterweise war & bin ich derzeit auch mit meinen Ahnen verbunden, auch durch die Aurareinigung “ausgelöst”, dich ich vor genau 2 Wochen bei Nadine genießen konnte. Momentan ist viel “Neu-Integrieren” angesagt, viel Aufräum-Arbeit und Sacken-Lassen. Ich kann Nadines Behandlung sehr empfehlen. Alles Liebe zu dir!

      • Dietlind Rodehorst

        Liebe Carolin, danke für deine herzliche Antwort. Jetzt wo du von deiner Aurareinigung berichtest, wird es für mich spannend, da ich auch versucht habe, mit Nadine einen Termin zu finden. Nach vielen Anläufen haben wir letztendlich als Termin den Geburtstag meiner verstorbenen Oma gefunden, alles andere passte nicht. Es ist, als würde das Aufarbeiten schon jetzt im Vorfeld beginnen…. unglaublich, danke dir! Fühl dich herzlich umarmt.

  3. Liebe Carolin,
    ganz lieben Dank für diesen zutreffenden und sehr berührenden Text! Ich bin gerade in diesem Moment in einer Phase, die mir meine Schatten auf sehr heftige und schmerzhafte Weise vor Augen führt. Und in der ich innerlich sehr mit mir darüber ringe, was angemessen und aushaltbar für mich und für mein Gegenüber ist.
    Inzwischen habe ich zumindest eine erste Tendenz: Nämlich die, dass es mir nicht guttut, wenn ich manches aus Rücksicht auf mein Gegenüber, oder weil ich glaube, den Anderen damit unter Druck zu setzen, nicht artikuliere. Das hängt natürlich auch mit dem Thema “Authentisch und Sichtbar-Sein” zusammen, worüber wir beide ja auch schon das Eine oder Andere geschrieben haben.
    Herzlichst, Eckhard

    • Carolin

      Danke dir! Das sind ja gute, tiefe Erkenntnisse, die du da gesammelt hast, Eckhard! Und es klingt nach viel innerer Arbeit, doch auch “früchte-bringender”. Ich kann mir vorstellen, dass es wichtig und richtig ist, nichts zurückzuhalten, sondern es tatsächlich auch zu zeigen – selbst wenn es dich & dein Gegenüber überfordern sollte. Das Buch “Liebe radikal” von Veit Lindau kann ich sehr empfehlen – das kam mir in den Sinn, als ich deine Zeilen las. Alles Gute!

  4. Kati

    Liebe Calli,
    wie gut Du deine Gedanken immer in Worte fassen kannst! Unter den von Dir genannten Punkten ist dieser:
    “Wo tue oder bin ich das auch, was ich da an meinem Gegenüber kritisiere oder beklage? Wo oder wann bin ich zum Beispiel auch rücksichtslos, verletzend, faul oder arrogant? Oder ich darf mich fragen: Wo verbiete ich mir das, was mir da im Außen entgegenkommt? Wo grenze ich etwas aus, das doch auch zu mir gehört? Wo oder wann darf ich mir zum Beispiel auch mehr Egoismus zugestehen, mehr Dominanz, mehr “Zu-meinem-Eigenen-Stehen”, mehr Individualität gönnen?”

    für mich zurzeit am präsentesten. Fast immer wenn ich wie oben beschrieben reagiere, so ganz “un-yogisch”, frage ich mich neuerdings warum ich reagiere wie ich reagiere. Ganz nach dem ersten der 5 Sutren fürs Wassermannzeitalter: – Erkenne, die andere Person bist Du-. Das ist sehr aufschlußreich und hilft mir mich immer besser zu (er)kennen und zunehmend auch die “Schatten” als zu mir gehörend zu akzeptieren…. und damit durchaus gut leben zu können.
    Ich grüße Dich herzlich !!

    • Carolin

      Herzlichen Dank, Kati – wie schön dich hier zu lesen, ich freue mich! Ja, diese Fragen sind sehr sehr spannend. Wunderbar, wenn du so ganz “un-yogisch” agierst und reagierst! Ich glaube, das soll so;-)! Ich kann mich unheimlich gut mit Menschen entspannen – mich in den Kontakt mit ihnen hineinentspannen, wenn sie authentisch, gerne auch etwas rau, direkt, ungehobelt, schräg, spontan sind. Wie schön! Alles Liebe ins schöne Bosau, deine Calli

      • Carolin

        Ja du, das ist ja echt megaspannend und schön – wie passend! Ich freu mich SEHR für dich! Nochmal alles Liebe!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén