seisofrei-lebenskunst

Erlebtes & Belebendes

Kundalini-Yoga

BlumenarrangementEine langjährige Freundin meiner Schwester – und auch ein mir sehr liebgewonnener Mensch – bat mich, Näheres über meine Erfahrungen mit Kundalini-Yoga zu schreiben. Nicht mit der Intention, alle Welt zum Praktizieren von Kundalini-Yoga zu animieren, sondern um meinen eigenen Weg zu mir, in mein Verständnis von innerer Freiheit zu beschreiben. Und sicher auch, um Wege, Werkzeuge, Methoden aufzuzeigen, die uns helfen können, uns in diesen (w)irren Zeiten auszurüsten und zu navigieren.

Hier nun also. Kundalini-Yoga wird oft als das „Yoga des Bewusstseins“ beschrieben. Es beinhaltet zahlreiche dynamische Übungen, Meditationen und das Singen von Mantren. Es geht darum, Bewusstseinsprozesse und –veränderungen zu initiieren, sprich immer klarer und bewusster zu werden, eigene Schleier nach und nach zu lüften. Der Zustand von Shunia, von Leere oder Stille – der sog. „Null-Zustand“, den wir suchen, ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je. Kundalini-Energie wird oft als die am unteren Ende der Wirbelsäule, wie eine Schlange zusammengerollte schlafende Kraft beschrieben, welche durch yogische Praktiken erweckt werden und aufsteigen kann. Ich persönlich finde das Bild hilfreicher, die Kundalini-Energie als unsere Lebensenergie zu betrachten, nicht als etwas Mysteriös-Externes. Im Praktizieren geht es um einen graduellen Prozess von Lebendiger- und Bewusster-Werden – es geht darum, immer vollständiger sein eigenes Leben zu leben.

Oft sind Menschen im (Irr-)Glauben, Kundalini-Yoga sei etwas Gefährliches, da immer wieder wilde Geschichten um das Erwachen der Energie kursieren. Das Kundalini-Syndrom gibt es tatsächlich, auch ist es ein feststehender Begriff in der Psychopathologie. Doch in der Tradition des Unterrichts von Yogi Bhajan arbeiten wir daran, die Energie langsam wachsen zu lassen. Die Kriyas (feststehende Übungsreihen) sind so konzipiert, dass „Sicherungen“ eingebaut sind, um sich immer wieder zu erden, sprich nicht abzuheben, so dass die Energie unten“ gesettelt“ bleibt.

Kundalini-Yoga ist eine Technik – vergleichbar mit einem Raketentreibsatz – die auch im Alltag praktikabel ist. Durch die bewegte Komponente kommt etwas Weiteres hinzu: Wir arbeiten am elektromagnetischen Feld, dies wiederum hat eine Rückwirkung auf unser Nervensystem, welches dank Kundalini-Yoga immer stärker wird. Wir lernen, uns immer weniger von den Polaritäten des Lebens hin- und herwerfen zu lassen. Wir lernen auch, selbst Energie generieren zu können und unseren Energielevel aufzufüllen, so dass wir mehr haben als wir brauchen. Unter diesen Umständen ziehen wir auch Menschen an. Voraussetzungen hierfür sind Selbstfürsorge und –liebe.

Satya Singh beschreibt Yoga auch als eine Veränderung in der Gesellschaft, deiner Position in der Gesellschaft – nicht nur als einen innerlichen Prozess. Das Ziel des Yoga, so Satya Singh, sei kein „von anderen losgelöster Erleuchtungszustand“, der dich in einem Ozean von ewigem Frieden schweben lasse, während alle anderen Leute weiter Probleme haben, sondern Ziel sei es, das untere Dreieck, sprich die unteren Chakren mit dem oberen Dreieck, den oberen Chakren, zu verbinden – hin zum Herzchakra. Es gehe darum, so menschlich wie möglich zu sein – Humor, Liebe, Toleranz walten zu lassen. Durch meine Ausstrahlung und Präsenz andere Menschen zu erheben.

Was ich außerdem wunderbar an Kundalini-Yoga finde: Es ist eine hervorragende Möglichkeit, deine Grenzen zu verändern und zu erweitern, mit den körperlichen die geistigen und emotionalen. Wir leben mit und durch Programme(n): „Ich muss pünktlich sein.“ „Ich sollte dies und jenes machen oder können.“ Und, und. Mit Yoga programmieren wir uns neu. Der Körper weiß, was ihm gut tut. Wir achten nur oft nicht darauf, da wir ein anderes Programm fahren. Es heißt, sobald du Kundalini Yoga praktizierst, wirst du wachsen und dich wie eine Schlange alter Häute entledigen müssen, um immer mehr zu dem oder der zu werden, der oder die du bist. Oder einfacher: Wir machen Yoga, um immer mehr wir selbst zu sein.

Die Frage „Welche Dinge stimulieren dich innerlich in deiner Seele?“ klopft dank Kundalini-Yoga immer dringlicher und lauter an. Mich zu trauen zu schreiben, auch öffentlich, ist in diesem Zusammenhang eine weitere „Nebenerscheinung“. Oft spüre ich, dass Menschen neben und mit mir zur Ruhe kommen, sich angenommen fühlen. Neben diesen heilsamen Aspekten konfrontierst du als Kundalini-Yogalehrer auch unbewusst: Du wirst zum Spiegel. Geschieht das Konfrontieren aus Liebe, ist es wunderbar und hat seinen Platz.

Was ich auch merke: Manchmal macht mich die Praxis schlicht glücklich, auch euphorisch – wenn nicht während der Asanas spätestens im Anschluss daran. Wie sagte unsere Ausbilderin so schön? Wir müssen unser Nervensystem auch erst einmal trainieren, es auszuhalten glücklich zu sein. In der Regel überflutet und unser Geist ja mit zahllosen Gedanken, den wenigsten davon zuträglich.

Sobald ich selbst Unterrichtserfahrungen als Kundalini-Yogalehrerin gesammelt habe, lasse ich Euch wissen, welche weiteren Erfahrungen ich mache. Wie hieß es so treffend in der Ausbildung? „Wenn ich selbst eine Erfahrung habe, kann ich meine Erfahrung auch weitergeben.“ Dies gilt sicherlich für viele Lebensbereiche.

Ich hoffe, ich konnte mit Euch das Geschenk teilen, welches mir dank Kundalini-Yoga zuteilwurde.

Alles Liebe von mir.

Antworten findest du in dir

Alles zu seiner Zeit

Oft will ich vieles sofort. Oder Bestimmtes genau jetzt. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass Dinge Zeit brauchen, Antworten dann kommen, wenn sie dran sind. Wie häufig tendieren wird dazu, unser Leben fest im Griff haben zu wollen, Dinge beeinflussen und kontrollieren zu wollen!

Das Verrückte ist: Je häufiger ich einen Gang herunter schalte und es mir tatsächlich gelingt, etwas laufen und einfach sein zu lassen, nicht verändern zu wollen, umso eher und schneller kommt die Veränderung auch. Umgekehrt gilt: Je stärker ich die Zügel anziehe, je mehr ich mich krampfhaft, von außen motiviert anstrenge und in einen oft schon übereifrigen Aktionismus verfalle, umso verspannter und blockierter werde ich auch: Die gewünschte Veränderung lässt dann auf sich warten. Wenn ich feststecke in einer Gedankenschleife oder einer sich im Kreis drehenden Handlung gehe ich nun immer häufiger vor die Tür und vertrete mir die Beine im benachbarten Stadtwald. Ich kenne fast nichts – außer manchmal einfach nur dazusitzen – was mich wieder mehr zu mir selbst bringt, den Fokus vom Außen auf das Innen lenkt.

Das Zauberwort heißt Geduld. Oder ein schlichtes: Alles kommt zu seiner Zeit. Alles braucht seine Zeit. Ich weiß nicht, ob wir tatsächlich alles haben können, doch ich glaube, wir können vieles haben – nur nicht sofort, sondern dann wenn die Zeit und wir dafür reif sind. Je mehr ich so denke, umso stärker kann ich mich in mich hinein entspannen, umso tiefer kann ich ausatmen und somit loslassen.

Im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mutter kommen nun zahlreiche Aufgaben und Fragen auf meine Geschwister und mich zu. Zu allem Überfluss mussten wir kürzlich einen Wasserschaden im Elternhaus beheben und uns darin üben, die Dinge Schritt für Schritt anzugehen, uns da durch zu ackern und zu atmen. Viele Fragen sind offen, momentan wissen wir nicht, was konkret mit dem Haus geschieht, doch auch hier heißt es: Geduld. Es wird sich finden, und es wird sich fügen.

Manchmal brauchen auch unsere Träume Zeit. Nicht jeder alte Traum erweist sich in der Gegenwart als noch aktuell, gleichzeitig erfüllt sich ein großer Wunsch oft schneller als wir ahnen. Oder aber es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sich ein Wunschtraum erfüllt. „In Sachen Schreiben“ hat sich für mich ein großer Traum verwirklicht bzw. wird sich voraussichtlich Ende des Jahres erfüllen – dazu mehr, wenn es soweit ist.

Zu unterscheiden, wann es Zeit ist loszulassen und wann es angezeigt ist dranzubleiben, ist oft alles andere als leicht. Von Yogi Bhajan, Meister des Kundalini-Yoga, stammt der Ausspruch „Keep up and you’ll be kept!“, „Halte durch und du wirst gehalten!“, welcher mir schon in vielen Lebenssituationen geholfen hat, nicht nur in meiner Yogapraxis. Es gibt Dinge, z. B. eine 90-tägige Yoga-Kriya, zu denen verpflichte ich mich freiwillig, da ich davon überzeugt bin, dass sie mir zuträglich sind, auch wenn ich zwischendurch aufgeben möchte. Anderes wiederum, oft Dinge von denen wir meinen, sie machen zu müssen, kann ich fallen lassen, wenn sie mich hindern, meine eigene Spur aufzunehmen und zu verfolgen. Für dieses Unterscheiden sensibilisiert zu werden kann ich meiner Erfahrung nach üben. Oft schickt uns das Leben Zeichen, die wir nicht sogleich deuten wollen oder können. Es erfordert auch Mut, diese Zeichen nicht als Humbug abzutun, sondern wach und fein hinzuschauen und zu –spüren:

Was ist es, das sich zeigen will? Was konkret will mir das Leben gerade sagen? Wann darf ich geduldiger sein?

Genießt den Juli.

 

Wie ehrlich bist du in deinem Leben?

Ehrlichkeit beschäftigt mich immer wieder sehr. Und mit ihr die Frage: „Wie ehrlich bin ich in meinem Leben?“

Ehrlichkeit ist ein Wert, der mir sehr am Herzen liegt. Gleichzeitig habe ich schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass Ehrlichkeit nicht immer gewünscht ist, du auch aneckst, wenn du deine Wahrheit, die deinem Gegenüber missfallen könnte, aussprichst. Da wir Herdentiere sind, ist uns Zugehörigkeit selbstverständlich wichtig. Ein klares standing einzunehmen fällt vielen Menschen schwer, da es auch vorkommen kann, dass selbst Menschen, die dir nahe stehen mit einem „Das mag ich jetzt aber nicht an dir!“ reagieren. Und das wiederum tut uns, die wir uns mit unserer Wahrheit vorgeprescht haben, weh. Veit Lindau sagt:

„Etwas äußern, das anderen nicht in den Kram passt, fühlt sich an wie ein heftiger Liebesentzug.“

Ich habe bereits an anderer Stelle darüber geschrieben: Zu glauben, nur weil wir einem anderen gegenüber etwas nicht aussprechen, wisse er es nicht, ist sicher ein Trugschluss. Wenn wir einen Menschen als ein Feld, als einen Kanal betrachten, kommuniziert vieles in uns, nicht nur unsere ausgesprochenen Worte. Wenn wir miteinander kommunizieren bauen wir ein Feld auf, das weit über Worte hinausgeht. Veit Lindau beschreibt es folgendermaßen: Hältst du zum Beispiel einen Wunsch zurück, entsteht in deinem Feld ein Stau, das kannst du auch fühlen. Ich selbst kenne es auch: Es fühlt sich an, als würde Leben aus mir entweichen, als sei ich innerlich betäubt.

Darüber hinaus irritierst du auch das Feld, das du mit dem anderen aufbaust. Vielleicht kennst du auch das: Es ist, als stünde irgendetwas zwischen dir und dem anderen. Das darf ja auch mal so sein. Manchmal trauen wir uns noch nicht hinaus mit unserer Wahrheit, oder etwas in uns ruft nach Distanz zum anderen; oder wir haben gerade einfach nicht die Kraft, die Kapazität, einen möglichen Konflikt zu halten, zu gestalten. Doch wir sollten so ehrlich sein uns einzugestehen, dass wir an dieser Stelle nicht ehrlich sind und Kompromisse eingehen. Denn – auch davon bin ich überzeugt: Die Entscheidung nicht ehrlich zu sein ist in allererster Linie eine Entscheidung gegen dich.

Ehrlichkeit zu leben ist ein Lebensstil, der sicher wehtun kann. Doch ich glaube: Nicht ehrlich zu sein kann auch wehtun. Es kostet dich Lebenskraft, da du Teile in dir zurückhältst, deine Schöpferkraft nicht voll einbringst. Veit Lindau meint, wenn unsere kleinen hässlichen Gedanken und Gefühle nicht heraus können, können auch große Gefühle nicht heraus. Auch ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Ich bin mir sicher: Wir halten permanent vieles in uns zurück. Wir halten Wünsche zurück, aus Angst, dass dieser Wunsch abgelehnt werden könnte, oder auch aus Angst, dass er sich wohlmöglich erfüllen könnte, denn auch das würde unser System gehörig durcheinanderwerfen, uns hinauskatapultieren aus der Komfortzone. Ich glaube wir halten Wünsche auch zurück, um uns nicht zu sichtbar zu machen, um nicht als gierig oder anmaßend dazustehen. In letzter Zeit äußere ich beispielsweise immer mal wieder den Wunsch, der andere möge meine Zeilen, meinen Blog weiterreichen und -empfehlen. Bis vor kurzem traute ich mich noch nicht, so klar zu diesem Wunsch zu stehen und ihn öffentlich zu machen. Wir halten interessanterweise manchmal auch Komplimente zurück, da solche Momente oft mit einer gewissen Intimität, einer Verletzlichkeit einhergehen: Wir öffnen uns, wenn wir dem anderen etwas Schönes sagen – dies kann uns auch verletzbar machen.

Viele Menschen halten Lebensfreude, Lust, Frechheit, spontane Impulse zurück. Auch das kenne ich von mir. Ich glaube, es wohnt viel mehr Frechheit in mir, als ich mir eingestehe und als ich auch zeige. Hin und wieder jedoch kann es auch total passen, aus Liebe heraus leicht zu provozieren, den anderen anzustupsen, vielleicht auch zu konfrontieren. Wenn es wie gesagt vom Herzen kommt und wir keine Rachegelüste oder Ähnliches empfinden, kann eine kleine Provokation oft Wunder bewirken.

Was wir auch zurückhalten: auf Distanz zu gehen, wenn uns danach ist. Manchmal ist uns nicht nach einer Umarmung, doch trauen wir uns nicht, dies zu zeigen oder zu sagen.

Ehrlichkeit zu leben ist nicht leicht. Und schonungslose Ehrlichkeit sicher auch nicht immer und überall sinnvoll, gerade auch in Kontexten wie im Beruf, wo bestimmte Rollen und Erwartungen bereits vorgegeben sind.

Wenn du herausfinden möchtest, wer du bist, bedarf es Mut zur Ehrlichkeit. Meine tiefe Überzeugung ist: Was letzten Endes, sprich in unseren letzten Stunden am meisten auf uns lasten wird, ist ungelebtes Leben.

Was haltet Ihr zurück, wann geht Ihr Kompromisse ein? Ich freue mich über Kommentare, Nachrichten, Austausch.

Trauriges verbindet – ich sage „danke“

O Täler weit, o Höhen

Sterbebegleitung, die von Herzen kommt, ist eine tiefgreifende und auch schöne Erfahrung. Unsere Mutter ist vor drei Tagen friedlich daheim eingeschlafen. Meine Schwester und ich haben Mama die letzten Tage begleitet – Kati hatte sich schon seit Wochen sehr intensiv gekümmert. Da unsere Mutter schwer erkrankt war, war uns allen klar, dass sie nur noch wenig Zeit haben würde. Nun ging es sehr schnell.

Der erste Tag, den unsere Mutter fast ausschließlich im Bett verbrachte, war Himmelfahrt. Mama hat sich schnell mit ihrer horizontalen Lage zufrieden gegeben („Schön im Bett“) – im Gegensatz zu Kati & mir: In einer aufwendigen Aktion beförderten wir unsere Mutter in ihren Liegestuhl in den sonnigen Garten. Dort angekommen war Mama zufrieden und behauptete, sie wolle noch leben – jedoch „nicht so doof“. (Sie litt unter ihren Einschränkungen, dem Verlust ihrer Stimme, die nur noch hauchend erklang und unserer Mutter, leidenschaftliche Chorsängerin, den letzten (Lebens-) Nerv raubte). Eine gute Stunde zuvor machte Mama Schwimmbewegungen mit dem Oberkörper und sagte mit verklärtem, motivierten Ausdruck, sie wolle in den Himmel fahren. Zwei Minuten später fragte sie: „Welcher Tag ist heute?“ Ich erwiderte: „Himmelfahrt“. Den Witz hat selbst meine Mutter in ihrem desolaten Zustand noch verstanden.

Wir verloren in diesen Tagen das Zeitgefühl. Und lernten Geduld und Demut. Mama erkundigte sich morgens, zwei Tage vor ihrem Tod, nach der Uhrzeit. „Viertel nach acht“, so meine Worte. „Das geht ja noch“ erwiderte Mama. Was auch immer dies hieß – es entbehrte nicht einer gewissen Komik. Einstimmig stellten wir fest, dass Mama nun keine Termine mehr habe. Der Zustand unserer Mutter verschlechterte sich von Tag zu Tag. Sie wollte kaum noch etwas zu sich nehmen. Neben der Schwere, die mich umgab und die ich auch in mir fühlte, waren da auch tiefe Dankbarkeit, Freude und immer wieder sehr wohltuender Humor.

Zwei Tage vor ihrem Tod fragte Mama Kati: „Was mache ich hier?“ Die Frage war berechtigt. Und sie transportierte fehlende Orientierung, vielleicht auch Angst – selbst wenn unsere Mutter immer behauptete, sie habe keine Angst vor dem Sterben. Ihr christlicher Glaube half ihr hierbei enorm. Kati antwortete sehr ehrlich: „Mama, du liegst hier und wartest auf den lieben Gott und auf Papa. Und du kannst es genießen, dass wir dich hier gut versorgen.“

Wir sind sehr offen mit der Tatsache umgegangen, dass wir bald ohne Renate weiterleben würden. Mama wollte auch definitiv gehen. Nach dem Tod unseres Vaters hat sie die Kurve nicht mehr gekriegt und ist – mit Ausnahme weniger heller, freudvoller Momente – in ein tiefes Loch gefallen.

Kurz vor ihrem Tod drückten wir ihr noch das Telefon ans Ohr, so dass sie Schwester und Schwager in Kanada hören konnte. Sie selbst sagte nicht mehr viel, doch es war viel Liebe unter den Kommunizierenden zu spüren, zwischen den Zeilen auch Verzweiflung. Es war ergreifend, dieses letzte Gespräch unter Schwestern mitzuerleben. Momente, die ich sicher stets erinnern werde.

Ein Tag vor ihrem Tod verabschiedeten mein Bruder und seine Frau sich unter Tränen von Mama. Meine Schwägerin schlief neben Mama ein, und ich bewunderte Emel für den natürlichen Umgang, die Selbstverständlichkeit und Hingabe, die von ihr ausgingen. Wir drei Geschwister saßen später auch gemeinsam am Sterbebett – Claus, unseren verstorbenen Bruder, haben wir mit einbezogen.

Während wir Mama zärtliche Worte und Gesten schenkten sagte unser Bruder „Mama, du hast es so gut gemacht“. Da öffnete sie mit aller Kraft ihre Augen und schaute etwas ungläubig drein: „Was habe ich gut gemacht?“ Wir drei daraufhin einstimmig: „Alles!“ Letzteres war vielleicht etwas übertrieben, doch in jenem Momenten dachten wir offenbar: „Keine Einschränkungen mehr an dieser Stelle.“ Es waren auch lustige Momente, z. B. als Martin – sich positiv über den Tod äußernd – meinte: Nun, ganz so sicher sei er sich nicht, er habe mal gehört: „Alle die den Himmel loben waren noch nicht oben.“

Ich habe kurz vor ihrem Tod für Mama gesungen – Eichendorfs „O Täler weit, o Höhen“ und Bonhoeffers „Von guten Mächten“. Hier kam die Musiktherapeutin in mir durch. Ich glaube, es war auch stimmig – Mama sagte „schöne Stimme“ und ich spürte ihren inneren Aufruhr. Kurz darauf übergab sie sich, und ich zweifelte wieder daran, ob meine Gesangseinlage so passend war.

Am Morgen des 31. Mai – die Morhpintherapie in sehr geringen Dosen hatte am Tag zuvor begonnen – hatte Mama bereits ungewöhnlich kalt-klamme Hände – wie ich jetzt weiß ein Zeichen für den nahenden Tod, ein Erlöschen des Feuer-Elements, würden die Yogis sagen. Noch atmete sie. Interessant war auch, dass sie quer über das ganze Ehebett, sprich auch Papas Seite, ausgebreitet lag – was sie bis dato nie tat. Als wolle sie ihm näher und näher rücken.

Kati und ich stärkten uns am Vormittgag des 31. mit Hilfe einer Yoga-Kriya für starke Nerven. Es tat uns gut. Gleichzeitig erwähnte Kati immer wieder unsere Mutter – ob wir nicht oben bei ihr Yoga machen sollten. Ich meinte, da sei kein Platz. Wir blieben unten im Wohnzimmer. In dieser Stunde muss unsere Mutter „hinüber geglitten“ sein. Wir fanden sie – nun war auch das Luft-Element erloschen –  friedlich in ihrem Bett vor. Es heißt, es sei ideal, wenn ein Mensch zu Hause im eigenen Bett oder in einem guten Hospiz sterben kann. Wir sind so traurig wie dankbar, diese Erfahrung und Nähe geteilt haben zu können.

Ich fange an, den Tod tatsächlich gar nicht mehr so schlimm zu finden. Ich meine etwas von dem Frieden und Glück der anderen Seite erfahren zu haben. Vielleicht bedeutet der Tod ja wirklich kein Ende, sondern eine Transformation. Vielleicht brauchen wir keine Angst vor dem Tod zu haben und können stattdessen – frei von Todesangst – ein mutiges, erfülltes Leben leben.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Mamas Schwester in Kanada schlicht wusste, dass Renate genau an diesem Tag gestorben war. Eine enge Freundin meiner Schwester spürte dies ebenso –  sogar in der entsprechenden Stunde. Als Kati versuchte, kurz nach Mamas Tod unseren Freund und Pastor telefonisch zu erreichen und nur der Anrufbeantworter ertönte, war dieser offenbar bereits unterwegs und stand wenige Minuten später vor unserer Haustür. Es tat uns gut, mit ihm gemeinsam für Renate zu beten.

Vermutlich gibt es viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die unser Verstand schwer greifen kann. Eine Seele auf ihrer Reise ist ein schönes und gleichzeitig viele Fragen aufwerfendes Bild. Zutiefst dankbar sind wir unserem Onkel Heiner, Mamas Bruder, der die vergangenen Tage mit uns geteilt und uns viel Trost und Unterstützung geschenkt hat.

„Um leben zu können, musst du wissen, wie man stirbt.“

Satya Singh, Kundalini-Yoga-Ausbilder

 

Unsere tiefste Absicht

Heute möchte ich zu einem Gedankenexperiment, einem Perspektivwechsel einladen, bei welchem wir Erstaunliches über uns lernen können. Ich habe diesen Blickwinkel bei Veit Lindau aufgeschnappt und viele Tage in mir bewegt, auch damit gehadert und gekämpft. Ich bin verschiedene Situationen und Beziehungen meines Lebens gedanklich und emotional durchgegangen und habe mich gefragt: „Ist dem wirklich so?“

Nun zum Hintergrund:

Kann es sein, dass Dinge tatsächlich so passieren, mir gehäuft widerfahren, da sie meiner tiefsten Absicht entsprechen? Selbst wenn ich etwas bewusst nicht will, mir mein Verstand einredet, dies oder jenes zu wollen oder eben nicht zu wollen – ist es möglich, dass alles was mir bis jetzt passiert ist dennoch meiner tiefsten und wahrsten Absicht entspricht? Und wenn ja: Was ist der verborgene Nutzen?

Ein Beispiel: Angenommen, du gerätst immer wieder in Partnerschaften oder Beziehungen, die dir nicht gut tun, dir Kraft rauben. Du willst diese Beziehung nicht wirklich. Doch gibt es hier – auf der Ebene eines übergeordneten „kosmischen“ Wissens – eine Art größeres, ewiges Feld, an das wir angeschlossen sind – nicht evtl. eine wichtige Aufgabe für dich zu lernen?

Ein anderes Beispiel: Du willst Erfolg, einen ganz bestimmten Erfolg, doch stattdessen erlebst du dauerhaften Misserfolg, den du dir nicht erklären kannst. Kann es sein, dass du dich selbst boykottierst, bzw. ein Teil in dir boykottiert? Wohlmöglich begegnest du hier Ängsten, die dir vielleicht gar nicht bewusst sind. Erfolg könnte auch mehr Sichtbarkeit, Projektionsfläche für Neid und Unmut, neue Aufgaben, denen du dich evtl. noch nicht gewachsen fühlst bedeuten. Ist es möglich, dass ein Teil von dir diese Nebenschauplätze des Erfolgs lieber gar nicht erleben möchte? Oder umgekehrt: Wer sagt, dass bestimmte Dinge in deinem Erleben, die du mit deinem bewussten Verstand als Niederlage erlebst, auf der Ebene des „kosmischen“ Wissens vielleicht eine ganz wichtige Lektion sind, die du zu lernen hast?

Angenommen, du kannst dir nicht erklären, weshalb du einen bestimmten Menschen oder eine Situation meidest: Im Grunde siehst du hier nur Vorteile, andere sprechen dir auch gut zu und glauben, der oder das täte dir gut, würde dir zuträglich sein. Und trotzdem schwankst du, etwas in dir zögert. Im Nachhinein wird dir oft klar, dass deine Intuition dir etwas anderes zugeflüstert hat, etwas, das rational nicht zu erklären war und dennoch einer tiefen Wahrheit, deiner Wahrheit entsprach.

Was auch immer gerade schräg oder auf den ersten Blick unbefriedigend läuft in deinem Leben, frag dich doch mal:

Warum könnte dies meine wahre Absicht sein?

Was habe ich davon? Was sind die verborgenen Vorteile an dem, wie es ist?

Ich weiß selbst noch nicht, was ich von dieser Sichtweise halten soll, ob sie immer und überall zutrifft. Auch habe ich keine mathematischen Beweise. Dann sehe ich die Gefahr von „Schuldzuweisungen“, die das Einnehmen dieses Blickwinkels beinhalten könnte: „Ich bin selbst schuld, wenn mir dies und jenes wiederholt widerfährt.“ Ich glaube, darum geht es nicht. Es gibt schlicht zu viele Variablen und Einflüsse, die in die jeweilige Situationen und die Lebensumstände einfließen. Dennoch lohnt es sich, Situationen zu hinterfragen und sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Ein Jeder hat sicher schon viele kluge Dinge bei sich erkannt, doch an der Umsetzung hapert es. Dies liegt schlicht daran, dass unser Bewusstsein nicht nur Tages-, sondern auch Unterbewusstsein beinhaltet. Die treibenden Motoren in unserem Leben arbeiten die meiste Zeit über unterbewusst, wir nehmen sie nicht wahr. Selbst wenn wir glauben, etwas verstanden zu haben, lenken uns dennoch unterbewusste Prozesse, weshalb es uns zum Beispiel auch so schwer fällt, bestimmte Vorsätze tatsächlich in die Tat umzusetzen und durchzuhalten. Veit Lindau beschreibt in seinem Buch „Werde verrückt“ Methoden, anhand derer es uns gelingen kann, unser Unterbewusstsein für neue Richtungen zu begeistern.

Ich mache die Erfahrung: Jeder Mensch, der in mein Leben kommt, hilft mir, mich besser zu verstehen und mich weiterzuentwickeln. Interessanterweise verlassen Menschen meine Wirklichkeit auch wieder, oder ich ziehe mit zunehmender Weiterentwicklung andere Leute in mein System – Menschen, die mehr zu mir und meiner Art zu ticken passen.

Ich glaube, die Dinge passieren nicht „einfach so“, sondern entwickeln sich von innen heraus – aus für uns oft unersichtlichen oder erst im Nachhinein verstehbaren Gründen.

„Kalte Depression“ – von der Seele entfernt

Menschen unserer Zeit werden in Folge eines Riesenangebots an äußeren Stimuli und zahlreicher Herausforderungen immer rast- und orientierungsloser. Viele Erdenbürger wirken abgeschnitten, geradezu entfremdet. Nie war die Menge an verfügbaren Informationen größer als dieser Tage. Unsere Gesellschaft tut so, als sei ein hoher und andauernder Level an Stress völlig normal. Wenn du keinen Stress hast, gehörst du nicht zum produktiven Teil der Gesellschaft. So denkt es auch oft in mir. Zum Glück immer seltener.

Mir ist durchaus bewusst, dass Stress auch Flow, Freude und Dranbleiben bedeuten kann und phasenweise absolut Sinn macht. Mir ist auch klar, dass es Umstände gibt, die einem nicht immer erlauben, „Fünfe gerade sein zu lassen“. Doch ehrlich gesprochen gehört nicht viel dazu zu erkennen, dass viele Menschen in eine extreme Schieflage geraten sind und sich weit von ihrer Seele entfernen. Die eigene Lebendigkeit und Vitalität, die Lebenskraft kann nicht mehr gespürt werden.

Der yogische Begriff der „kalten Depression“ beschreibt einen Zustand vor einer „echten“ Depression bzw. einem Burn Out: Äußerlich ist dieser Zustand nicht als Depression erkennbar. Innerlich zeichnet er sich dadurch aus, dass Menschen gefühllos sich selbst gegenüber sind und innere Impulse nicht mehr spüren. Es besteht ein Konflikt zwischen dem was deine Seele dir sagt und dem was von Außen kommt. Folgst du „dem Außen“ und reagierst darauf – Smartphone, Werbung, Meinungen, „falsche“ bzw. fremde Ziele – so kannst du innere Impulse nicht mehr spüren; du fühlst dich leer und getrennt. Von „kalter Depression“ gebeutelte Menschen kreieren Gefühle der Lebendigkeit, indem sie das Maß an äußeren Stimuli erhöhen: Sie entwickeln eine Wahrnehmung, die gewissermaßen nicht real ist und glauben, dass Stress ihre Lebenskraft ist. Fehlende Lebendigkeit wird durch Adrenalin kompensiert – eine entsprechende Umgebung wird geschaffen, indem Spannung erzeugt und erhöht wird, extreme Erlebnisse und Sportarten aufgesucht und hohe Risiken eingegangen werden.

Überspitzt formuliert: Ohne Adrenalin fühlen wir uns taub. Aus Taubheit resultiert ein Verlangen, zu fühlen. Es kann erschreckend und gleichzeitig hilfreich sein, sein eigenes Verhalten zu beobachten: Wo und wann fühle ich mich getrennt von meinen Seelenimpulsen? Wie schwer fällt es mir, dass Smartphone oder Tablet mal für eine Zeit lang ruhen zu lassen?

Das Fatale ist, dass Leistung bzw. Leisten und grenzenloser Stress in unserer Gesellschaft anerkannt sind und belohnt werden. Produktiv-Sein sieht gut aus. Wir bleiben dabei und glauben, dies sei Erfolg. Problem dabei ist, dass uns Zustände von „kalter Depression“ auch körperlich krank machen und unser Immunsystem schwächen. Adrenalinreserven sind endlich, sprich unsere Nebennieren sind irgendwann „durchgeritten“.

Ich glaube fest daran, dass der natürliche Zustand des Menschen im Verlangen besteht, mit seiner Seele verbunden zu sein. Das Singen von Mantren ist eine wunderbare Möglichkeit, sich wieder mit sich selbst zu verbinden. Wir können „nach innen führende Bahnen wieder freischwingen“, uns wieder spüren.

Wir haben alles, was uns zufrieden macht in uns selbst. Sich aus sich selbst heraus vollständig zu fühlen – wenn uns dies gelingt, sind wir wahrhaft zufrieden. Wenn du es immer wieder schaffst, das zu tun, was dich mit deinen inneren Impulsen verbindetmeditieren, tanzen, spazieren, sich ausruhen, gut ernähren – erfährst du Lebenssinn und -glück. Im Übrigen hilft uns eine starke Intuition uns im Informationsüberfluss zu navigieren.

Ich schließe mit einem Zitat von Rumi:

„Suche das Licht nicht im Außen. Finde es in dir und lass es aus deinem Herzen strahlen.“

 

Freundschaften und Felder

Ich frage mich, wie schnell oder tief andere Frauen meiner Generation – ich bin Baujahr‘ 77 – neue Freundschaften schließen. Und hiermit meine ich keine 392. Facebook-Freundschaft, sondern ein wahrhaftiges, waches Sich-Einlassen auf ein Gegenüber. Ein Sich-Zeit-Nehmen, ein geduldiges, liebevolles Sich-Abtasten: Wie tickt der andere? Wie steht er oder sie im Leben? Was berührt den anderen in der Tiefe? Wovon flüstert seine Sehnsucht? Abgesehen davon mache ich im Übrigen auch die Erfahrung, dass tiefe, berührende Verbindungen ebenso im und via Internet möglich sind. Auch auf schriftlichem Wege können wir uns begegnen und essentielle, gemeinsame Themen kommunizieren – vorausgesetzt beide schreiben gern.

Dennoch: Analog lebt sich’s intensiver, sprich der Austausch von Aug‘ zu Aug‘ bleibt doch konkurrenzlos.

Ich war viele Jahre lang in dem Glauben, ich bräuchte keine neuen Freunde – fühlte ich mich doch in Sachen Freundschaften reich beschenkt. Meine engen Freunde kenne ich mitunter auch seit Jahrzehnten und schätze diese tragenden Verbindungen. Nun verändern sich Menschen und Umstände auch im Laufe der Zeit – ich glaube, dies ist der natürliche und für mich auch wünschenswerte Gang der Dinge – so dass Menschen, die einem eine Zeit lang nah standen, das eigene Leben, den eigenen Radius auch wieder verlassen können.

Ich finde: Das darf auch sein. Die Qualität der Beziehung kann trotzdem eine starke, eine intensive gewesen sein. Wir dürfen unserer Wahrnehmung trauen und uns unsere Freundschaften genauer ansehen, in unseren Freundschaften aufräumen: Tut uns diese Freundschaft gut? Gehe ich – allein wenn ich an diesen anderen Menschen denke – innerlich auf, fühle ich mich ermutigt und inspiriert? Unterstützen mich Freunde in meiner persönlichen Weiterentwicklung und akzeptieren sie diese? Können sie mit mir nicht nur Leid sondern auch meine Erfolge teilen? Oder geht meine Energie eher runter (auch wenn ich diesen Menschen lieb habe, auch das gibt es ja)? Werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt? Unser Körper gibt uns meist sehr schnell und eindeutig darüber Auskunft, wie wir uns in Gegenwart des anderes fühlen: Sind wir erschöpft, werden wir müde, oder auch innerlich eng? Oder geht unser Herz auf, fühlen wir uns weit und gelöst?

Es geht nicht darum, Menschen unbedacht und unreflektiert „aus unserem Leben zu schmeißen“, doch wir dürfen uns trauen uns zu fragen: Nährt oder erschöpft mich diese Freundschaft? Ist da evtl. etwas, das mir dauerhaft nicht gut tut, bedarf es eines gesunden Grenzensetzens? Manchmal passt es auch nach einer Zeit lang wieder, oder aber wir sind auch mal eine Weile allein, und es kommen Freunde nach. Ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon die Erkenntnis von: Das Alte trägt nicht mehr. Wir dürfen loslassen. Oder vielmehr: Die Beziehung lässt uns offenbar los.

Veit Lindau sagt:

„Da jede deiner Beziehungen ein Feld ist, welches dich stärkt oder schwächt, ist es dein gesundes Recht zu wählen, mit wem du deine kostbare Lebenszeit verbringen möchtest.“

Für mich heißt dies: Ich habe das Recht und auch die Pflicht, dafür zu sorgen, mir ein Umfeld zu suchen, welches mir wohlgesonnen, welches unterstützend ist. Ich darf mich fragen: Welche Felder erheben mich? Welche zocken mir Energie ab? Fairerweise sollte ich das natürlich umgekehrt genauso fragen: Erhebe oder schwäche ich den anderen bzw. den Raum, den ich betrete?

Ich möchte mich so sicher fühlen, dass ich mich entspannen kann und gleichzeitig so frei fühlen, dass ich mich entfalten kann. Gesunde Beziehungen möchte ich pflegen und schützen, ungesunde ziehen bzw. fallen lassen.

Zurück an den Anfang meines Textes: Ich habe dieser Tage das Glück – so empfinde ich es – in eine neue Freundschaft hinein wachsen zu dürfen. Im Herbst letzten Jahres habe ich eine tolle Frau auf Sylt kennen gelernt, zusammen mit unseren fast gleichaltrigen Söhnen. Sie wächst mir mehr und mehr ans Herz, mein Empfinden sagt mir, ihr geht es ähnlich. Und was herrlich ist: Ich traue mich – vielleicht zum ersten Mal – jemandem von Beginn an mit all meinen Ecken, Kanten und auch unliebsamen Eigenschaften zu begegnen, mich ihr zuzumuten und mich meiner Angst vor Ablehnung zu stellen. Ich lerne, klar zu zeigen, was ich will und was ich nicht will. Da Ehrlichkeit und wahrhaftige Kommunikation ihr offenbar genauso wichtig sind wie mir, wir gleichzeitig jedoch in vielen Bereichen auch unterschiedlich ticken, erschaffen wir uns beide ein wunderbares Feld des gemeinsamen Wachsens. Wir sind beide sehr wach und neugierig und freigiebig mit Wertschätzung und Freude. Und ich spüre: Wir lösen beide Kraft ineinander aus und unterstützen uns, unser Potential zu entfalten.

Auf die Freundschaft.

Von der Schönheit des Nicht-Wissens

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